Wir haben mit Bergwacht-Chef Toni Vogg gesprochen und er erzählt über die BR-Doku „In höchster Not“, Einsätze an der Zugspitze und das Leben als Bergretter. Ein Gespräch über echte Einsätze vor laufender Kamera, überforderte Instagrammer und die Frage, warum ein Abbruch manchmal mehr Respekt verdient als ein Gipfelerfolg.
Die Dokumentation begleitete neben der Bergwacht Grainau noch die Bergwacht Bad Reichenhall sowie die Bergwacht Ramsau.
Bodycam am Gurt, Gletscher unter den Füßen, ein Verunfallter irgendwo da oben und mittendrin eine Filmcrew. Was klingt wie ein Drehbuch, ist für Toni Vogg und seine Kollegen von der Bergwacht Grainau schlicht Alltag. In der Doku-Serie des Bayrischen Rundfunk „In höchster Not – Bergretter im Einsatz“ begleitet eine Kamera seit Staffel 1 die Einsatzkräfte hautnah bei ihrer Arbeit. Staffel 2 ist seit dem 06.05.2026 in der ARD Mediathek abrufbar und zeigt erneut, was passiert, wenn Deutschlands höchster Berg zur Gefahrenzone wird.
Für Toni Vogg war die Bergwacht nie eine bewusste Entscheidung. Sie war Familientradition. Sein Vater ist seit fast 50 Jahren dabei und mit 16 Jahren fing Toni selbst an. Heute, 20 Jahre später, ist er Bereitschaftsleiter, Ausbilder, Einsatzleiter und Luftretter bei der Bergwacht Grainau.
„Wenn wir gemerkt haben, dass der Papa auf einen Einsatz rausgeht, sind wir auf die Radl gehockt und sind zum Landeplatz gefahren und haben zugeschaut.“
Die Grundidee von „In höchster Not“ ist so simpel wie mutig. Keine Schauspieler, kein Drehbuch, keine gestellten Szenen. Das Filmteam von Timeline Production begleitet die Bergwacht bei echten Einssätzen – Bodycams am Gurt, GoPros in den Fahrzeugen und ein oder zwei Kameraleute direkt vor Ort.
„Am Anfang war natürlich so ein bisschen die Frage, wie wird das für uns? Erstaunlicherweise hat sich das ziemlich schnell eingespielt, sodass wir die Kameras eigentlich gar nicht bemerkt haben.“
Was das bedeutet, merke man im Rohmaterial. Flüche sind drauf, Schimpfen wenn etwas nicht klappt, ungeschönte Momente. „Man hat den Eindruck, okay, die Leute vergessen die Kamera. Und ich glaube, das sieht man dann auch im Ergebnis – dass es authentisch rüberkommt.“ kommentiert Toni Vogg.
Das funktionierte aber nur, weil das Filmteam selbst keine Belastung war. Denn das Team der Timeline Production hatte den Bergrettern versichert keine weitere Belastung am Berg zu sein.
Grainau klingt nach kleinem Dorf – das Revier der dortigen Bergwacht hat es jedoch in sich. Es umfasst das Höllental mit dem klassischen Zugspitzaufstieg, Teile des Jubiläumsgrats und der Alpspitze, die Waxensteine, die Riffelscharte sowie die Zugspitz-Nordwand mit der Kletterroute Eisenzeit. Dazu kommen die Wanderwege unterhalb des Bergmassivs, aber auch die Höllentalklamm, der Eibsee und Teile Richtung Ammergauer Alpen.
„Unsere Hotspots sind Höllental und Eibsee“, sagt Vogg. Zwei Gebiete, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Hier der beliebte Instagramspot am türkisblauen See, dort eine der anspruchsvollsten Routen auf Deutschlands höchsten Berg.
Genau diese Mischung macht das Zugspitzgebiet so gefährlich. „Es sind viele Spielwiesen vom Alpinismus mit dabei", erklärt Vogg. Klettersteig, Wandergelände, weglose Schrofen, Gletscher und das alles bis auf knapp 3.000 Meter.
Die Zahlen sprechen für sich. In normalen Jahren zählt die Bergwacht Grainau in der Sommersaison (Mai bis Anfang November) rund 90 bis 100 Einsätze. Dazu kommen im Winter etwa 25 bis 30 Einsätze bei den Vorsorgediensten an Wochenenden und Feiertagen in den Skigebieten.
Doch 2025 war anders. „Letztes Jahr hatten wir im Sommer eine massive Steigerung auf 160 Einsätze und insgesamt 220 gerettete Personen“, erzählt Vogg. Wochen, in denen die Dienstgruppe jeden einzelnen Tag draußen war. Die Ursache ist für den Bereitschaftsleiter klar. Der anhaltende Zugspitz-Boom und der Social-Media-Effekt, der immer mehr Menschen in ein Gelände lockt, dem sie nicht gewachsen sind.
Toni Vogg wird deutlich, als ich das Gespräch über Instagram und TikTok weiter führe. „Wir haben heuer den ersten Einsatz am Neujahrstag um 10 Uhr in der Früh – da waren drei Leute im Höllental im Winter. Von den Einheimischen geht niemand im Hochwinter ins Höllental, niemals.“ Im Februar fanden sich auf Instagram Videos einer Gruppe, die bei schärfster Lawinenlage im Höllental unterwegs war. Im Sommer kletterten andere die Zugspitz-Nordwand über drei Tage und verkauften es als Heldentat.
„Manchmal sieht man, dass sie umdrehen – aber es wird nicht gesagt. Sondern nur: Ja, wir waren heute auf der Zugspitze. Dabei waren die gar nicht oben. Ehrlich zu sagen, wir haben es nicht geschafft ist halt nicht sexy in den sozialen Medien.“
Vogg kennt die Muster. Im Frühjahr kommen die ersten Einsätze. Unten im Tal 20 Grad, oben am Klettersteig noch tiefer Schnee. Im Sommer verlagert sich das Problem auf den Gletscher. Durch das Abschmelzen ist er steiler und blanker geworden. Wer ohne Steigeisen kommt, kommt irgendwann weder vor noch zurück.
„Das waren Situationen, in der man sich im Nachhinein fragt, ob es richtig war, dass unsere Leute noch draußen waren. Denn der Eigenschutz geht immer vor.“
Vogg sieht darin aber auch eine wichtige Botschaft der Doku:
„Die Staffel zeigt sehr gut, dass wir echtes Risikomanagement betreiben und uns nicht sinnlos in Gefahr bringen, wie es oft in Kommentaren behauptet wird.“
Wer am Berg in Not gerät, hat oft nur wenige Minuten, um die richtigen Entscheidungen zu treffen. Toni Vogg erklärt Schritt für Schritt, was zu tun ist und was viele falsch machen.
1. Gute Selbsteinschätzung: Was kann ich, was kann ich nicht? Selbstkritik rettet Leben.
2. Keinen Druck aufbauen: Die Tour muss nicht gemacht werden. Ein Abbruch ist keine Niederlage.
3. Vernünftige Ausrüstung: Den Worst Case mitdenken. Erste-Hilfe-Päckchen, Rettungsdecke, Biwaksack, Jacke – immer.
4. Wetterbericht richtig lesen: Den Text lesen, nicht nur das Piktogramm. Die Feinheiten liegen immer im Text.
5. Mut zum Nein-Sagen: Man ist kein Verlierer, wenn man umkehrt.
Was in der Doku heldenhaft wirkt, hat einen nüchternen Hintergrund. 40 aktive Einsatzkräfte tragen die gesamte Last der Einsätze bei der Bergwacht Grainau. Die Ausbildung dauert drei Jahre und kostet die Bergwachtler Zeit, Energie und Geld.
Die Finanzierung steht auf drei Säulen:
Was viele nicht ahnen, die Einsatzkräfte bringen auch privates Material mit. Ski, Bergschuhe, Berghose, Handschuhe. Die Bereitschaft Grainau gibt deshalb jedem aktiven Mitglied zu Weihnachten einen Gutschein für den Sporthändler. „Das deckt nicht alle Kosten. Aber es zeigt: Wir schätzen das."
Nachwuchs ist ein permanentes Thema. „Wir dürfen es gar nicht so weit kommen lassen, dass wir Not haben – bis die Not gelöst ist, vergehen nochmal drei bis vier Jahre."
Wer selbst einsteigen möchte kann ab 16 Jahren die örtliche Bergwacht ansprechen. Grundvoraussetzung ist alpine Geländeerfahrung – Sommer wie Winter.
Schwere Einsätze gehen nicht spurlos vorbei. Wenn es tragische Geschichten sind, sitzen sie danach oft nochmal zusammen und reden drüber. Die Bergwacht arbeitet außerdem mit dem "KIT Berg" (Kriseninterventionsteam) zusammen, dessen psychologisch geschulte Fachkräfte speziell für Einsatzkräfte, aber auch für Angehörige von Opfern bereit stehen.
„Früher hieß es, man müsse ein harter Bursche sein. Heute weiß man, dass auch nach 50 Jahren ein spezieller Einsatz einen Schalter umlegen kann.“
Man redet bei der Bergwacht meistens über das Schwere der Einsätze. Dabei gibt es auch Momente, die einen aufbauen und die erklären, warum Menschen dieses Ehrenamt auf sich nehmen.
Toni Voggs persönlichster Einsatz war sein allererster Hubschraubereinsatz, kurz nach seiner Ausbildung, mit 17 Jahren. Eine dreitägige Suche im Höllental bei schlechtestem Wetter bei dem eine Person in eine Gletscherspalte gefallen war. Nachdem sie aufgrund des schlechten Wetters die Gletscherspalte zunächst zu Fuß erkunden mussten und niemanden fanden, wurde die vermisste Person am nächsten Tag beim Überflug mit dem Hubschrauber schlussendlich doch noch lebend gefunden.
„Das prägt einen – und man weiß wieder, warum man das macht.“
Aber es sind auch die kleinen Geschichten, die zählen: Menschen aus einer misslichen Lage sicher runter zu bringen und vielleicht noch ein Sonnenuntergang aus dem Hubschrauber zu sehen. „Das gibt einem schon sehr viel zurück. Es ist dieses Gefühl, im Team etwas geleistet zu haben und der Gesellschaft etwas zurückzugeben.“ So Vogg.
Auf die Frage nach dem einen Gedanken, den er jedem Bergsportler mitgeben würde, nach 20 Jahren Bergwacht und zwei Staffeln Doku-Begleitung, antwortet Toni Vogg ohne zu zögern:
„Stress runter, Genuss rauf.“
Man solle lieber die Zeit am Berg genießen. Sachen so nehmen, wie sie kommen und nichts erzwingen. Einfach raus in die Berge, frische Luft und genießen.
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