Cookie Consent by Privacy Policies website Interview mit Toni Vogg über die BR-Doku „In höchster Not“.
Toni Vogg von der Berwacht Grainau
Toni Vogg von der Berwacht Grainau © Bayrischer Rundfunk
13.05.2026
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Serienstart der BR-Doku "In höchster Not" und unser Interview mit Bergwacht-Chef Toni Vogg

Wir haben mit Bergwacht-Chef Toni Vogg gesprochen und er erzählt über die BR-Doku „In höchster Not“, Einsätze an der Zugspitze und das Leben als Bergretter. Ein Gespräch über echte Einsätze vor laufender Kamera, überforderte Instagrammer und die Frage, warum ein Abbruch manchmal mehr Respekt verdient als ein Gipfelerfolg.


Die Dokumentation begleitete neben der Bergwacht Grainau noch die Bergwacht Bad Reichenhall sowie die Bergwacht Ramsau.


Bodycam am Gurt, Gletscher unter den Füßen, ein Verunfallter irgendwo da oben und mittendrin eine Filmcrew. Was klingt wie ein Drehbuch, ist für Toni Vogg und seine Kollegen von der Bergwacht Grainau schlicht Alltag. In der Doku-Serie des Bayrischen Rundfunk „In höchster Not – Bergretter im Einsatz“ begleitet eine Kamera seit Staffel 1 die Einsatzkräfte hautnah bei ihrer Arbeit. Staffel 2 ist seit dem 06.05.2026 in der ARD Mediathek abrufbar und zeigt erneut, was passiert, wenn Deutschlands höchster Berg zur Gefahrenzone wird.

Toni Vogg von der Berwacht Grainau
Toni Vogg von der Berwacht Grainau © Bayrischer Rundfunk

Vom Landeplatz-Kind zum Bereitschaftsleiter

Für Toni Vogg war die Bergwacht nie eine bewusste Entscheidung. Sie war Familientradition. Sein Vater ist seit fast 50 Jahren dabei und mit 16 Jahren fing Toni selbst an. Heute, 20 Jahre später, ist er Bereitschaftsleiter, Ausbilder, Einsatzleiter und Luftretter bei der Bergwacht Grainau.

„Wenn wir gemerkt haben, dass der Papa auf einen Einsatz rausgeht, sind wir auf die Radl gehockt und sind zum Landeplatz gefahren und haben zugeschaut.“

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Franz Dörfler, Bergretter der Bergwacht Grainau, in der Nähe des Zugspitzgipfels
Franz Dörfler, Bergretter der Bergwacht Grainau, in der Nähe des Zugspitzgipfels © Bayrischer Rundfunk

Wie hat sich die Produktion von „In höchster Not“ angefühlt?

Die Grundidee von „In höchster Not“ ist so simpel wie mutig. Keine Schauspieler, kein Drehbuch, keine gestellten Szenen. Das Filmteam von Timeline Production begleitet die Bergwacht bei echten Einssätzen – Bodycams am Gurt, GoPros in den Fahrzeugen und ein oder zwei Kameraleute direkt vor Ort.

„Am Anfang war natürlich so ein bisschen die Frage, wie wird das für uns? Erstaunlicherweise hat sich das ziemlich schnell eingespielt, sodass wir die Kameras eigentlich gar nicht bemerkt haben.“

Was das bedeutet, merke man im Rohmaterial. Flüche sind drauf, Schimpfen wenn etwas nicht klappt, ungeschönte Momente. „Man hat den Eindruck, okay, die Leute vergessen die Kamera. Und ich glaube, das sieht man dann auch im Ergebnis – dass es authentisch rüberkommt.“ kommentiert Toni Vogg.


Das funktionierte aber nur, weil das Filmteam selbst keine Belastung war. Denn das Team der Timeline Production hatte den Bergrettern versichert keine weitere Belastung am Berg zu sein.

Einsatzgebiete: Wo Wanderweg und hochalpine Klettersteige aufeinandertreffen

Grainau klingt nach kleinem Dorf – das Revier der dortigen Bergwacht hat es jedoch in sich. Es umfasst das Höllental mit dem klassischen Zugspitzaufstieg, Teile des Jubiläumsgrats und der Alpspitze, die Waxensteine, die Riffelscharte sowie die Zugspitz-Nordwand mit der Kletterroute Eisenzeit. Dazu kommen die Wanderwege unterhalb des Bergmassivs, aber auch die Höllentalklamm, der Eibsee und Teile Richtung Ammergauer Alpen.


„Unsere Hotspots sind Höllental und Eibsee“, sagt Vogg. Zwei Gebiete, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Hier der beliebte Instagramspot am türkisblauen See, dort eine der anspruchsvollsten Routen auf Deutschlands höchsten Berg.


Auf unsere Frage nach dem Warum, antowortet Toni Vogg:


„Man darf die Route durch das Höllental nicht unterschätzen. Es ist keine Wanderung, die man mal schnell macht.“


Genau diese Mischung macht das Zugspitzgebiet so gefährlich. „Es sind viele Spielwiesen vom Alpinismus mit dabei", erklärt Vogg. Klettersteig, Wandergelände, weglose Schrofen, Gletscher und das alles bis auf knapp 3.000 Meter.


160 Einsätze, 220 gerettete Personen – Ein Jahr, das alles übertraf

Die Zahlen sprechen für sich. In normalen Jahren zählt die Bergwacht Grainau in der Sommersaison (Mai bis Anfang November) rund 90 bis 100 Einsätze. Dazu kommen im Winter etwa 25 bis 30 Einsätze bei den Vorsorgediensten an Wochenenden und Feiertagen in den Skigebieten.


Doch 2025 war anders. „Letztes Jahr hatten wir im Sommer eine massive Steigerung auf 160 Einsätze und insgesamt 220 gerettete Personen“, erzählt Vogg. Wochen, in denen die Dienstgruppe jeden einzelnen Tag draußen war. Die Ursache ist für den Bereitschaftsleiter klar. Der anhaltende Zugspitz-Boom und der Social-Media-Effekt, der immer mehr Menschen in ein Gelände lockt, dem sie nicht gewachsen sind.

Das Influencer-Problem – Wenn TikTok zum Einsatzauslöser wird

Toni Vogg wird deutlich, als ich das Gespräch über Instagram und TikTok weiter führe. „Wir haben heuer den ersten Einsatz am Neujahrstag um 10 Uhr in der Früh – da waren drei Leute im Höllental im Winter. Von den Einheimischen geht niemand im Hochwinter ins Höllental, niemals.“ Im Februar fanden sich auf Instagram Videos einer Gruppe, die bei schärfster Lawinenlage im Höllental unterwegs war. Im Sommer kletterten andere die Zugspitz-Nordwand über drei Tage und verkauften es als Heldentat.

Was ihn besonders beschäftigt, ist die fehlende Ehrlichkeit:

„Manchmal sieht man, dass sie umdrehen – aber es wird nicht gesagt. Sondern nur: Ja, wir waren heute auf der Zugspitze. Dabei waren die gar nicht oben. Ehrlich zu sagen, wir haben es nicht geschafft ist halt nicht sexy in den sozialen Medien.“

Bergwacht Grainau tief im Schnee in der Nähe des Zugspitzgipfels
Bergwacht Grainau tief im Schnee in der Nähe des Zugspitzgipfels © Bayrischer Rundfunk

Was die Bergwacht immer wieder erlebt – und was in der Doku zu sehen ist

Vogg kennt die Muster. Im Frühjahr kommen die ersten Einsätze. Unten im Tal 20 Grad, oben am Klettersteig noch tiefer Schnee. Im Sommer verlagert sich das Problem auf den Gletscher. Durch das Abschmelzen ist er steiler und blanker geworden. Wer ohne Steigeisen kommt, kommt irgendwann weder vor noch zurück.


Zwei Einssätze in der Doku, die sehr tief gehen

Staffel 2 von „In höchster Not“ zeigt genau solche Einsätze und so erinnert sich Toni Vogg an zwei Momente, die das Team besonders beschäftigt haben:


  • Ein Spaltensturz. Ohne das richtige Wetterfenster wäre es für den Betroffenen wohl sehr schlecht ausgegangen.
  • Sein Bruder war mit draußen, als aus einem Verletzten plötzlich drei wurden und am Ende acht Personen bei schwerstem Wetter am Berg festsaßen.
  • Parallel stürzte jemand in eine Gletscherspalte.

„Das waren Situationen, in der man sich im Nachhinein fragt, ob es richtig war, dass unsere Leute noch draußen waren. Denn der Eigenschutz geht immer vor.“


Vogg sieht darin aber auch eine wichtige Botschaft der Doku:


„Die Staffel zeigt sehr gut, dass wir echtes Risikomanagement betreiben und uns nicht sinnlos in Gefahr bringen, wie es oft in Kommentaren behauptet wird.“

Was im Ernstfall zählt - So funktioniert der Notruf am Berg

Wer am Berg in Not gerät, hat oft nur wenige Minuten, um die richtigen Entscheidungen zu treffen. Toni Vogg erklärt Schritt für Schritt, was zu tun ist und was viele falsch machen.

Notruf in den Bergen wählen - 112
Notruf in den Bergen wählen - 112 © Schneemenschen GmbH

1. Notruf 112 wählen

  • Die Nummer funktioniert international, auch im Ausland.
  • Handys übertragen oft automatisch die GPS-Position
  • trotzdem den Standort zusätzlich beschreiben: nächste Hütte, erkennbare Gratlinien, Himmelsrichtung
Erste Hilfe leisten in den Bergen
Erste Hilfe leisten in den Bergen © Schneemenschen GmbH

2. Erste Hilfe leisten

  • Eigenschutz beachten
  • Rucksack und alle spitzen Gegenstände wie Steigeisen oder Pickel sichern
Auf den Rückruf der Bergwacht warten
Auf den Rückruf der Bergwacht warten © Schneemenschen GmbH

3. Erreichbar bleiben

  • Häufiger Fehler: jemand läuft los, um Empfang zu suchen und läuft dann wieder zur Unfallstelle
  • Immer am Empfangspunkt auf Rückruf der Bergwacht warten
Y-Zeichen zur besseren Erkennug eines Verletzten
Y-Zeichen zur besseren Erkennug eines Verletzten © Schneemenschen GmbH

4. Y-Zeichen machen

  • Winken tun viele die einen Hubschrauber sehen – das hilft der Crew nicht weiter
  • Besatzung fragt nach Farben (Helm, Rucksack, Jacke) zur Identifikation
  • Das richtige Signal: Y-Zeichen (beide Arme hoch)

Die 5 goldenen Regeln von Bergwachtleiter Toni Vogg

1. Gute Selbsteinschätzung: Was kann ich, was kann ich nicht? Selbstkritik rettet Leben.
2. Keinen Druck aufbauen: Die Tour muss nicht gemacht werden. Ein Abbruch ist keine Niederlage.
3. Vernünftige Ausrüstung: Den Worst Case mitdenken. Erste-Hilfe-Päckchen, Rettungsdecke, Biwaksack, Jacke – immer.
4. Wetterbericht richtig lesen: Den Text lesen, nicht nur das Piktogramm. Die Feinheiten liegen immer im Text.
5. Mut zum Nein-Sagen: Man ist kein Verlierer, wenn man umkehrt.

80 ehrenamtliche Mitglieder & drei Säulen Finanzierung

Was in der Doku heldenhaft wirkt, hat einen nüchternen Hintergrund. 40 aktive Einsatzkräfte tragen die gesamte Last der Einsätze bei der Bergwacht Grainau. Die Ausbildung dauert drei Jahre und kostet die Bergwachtler Zeit, Energie und Geld.


Die Finanzierung steht auf drei Säulen:


  • Zuschüsse des bayerischen Innenministeriums (vor allem für Fahrzeuge)
  • Einsatzgelder (Abrechnung mit Krankenkassen bei Verletzten, Privatrechnung bei Unverletzten)
  • Spenden. Ohne Spenden würde nur das Grundsystem laufen. Die Spenden ermöglichen erst die Ausbildung der Rettungskräfte.

Was viele nicht ahnen, die Einsatzkräfte bringen auch privates Material mit. Ski, Bergschuhe, Berghose, Handschuhe. Die Bereitschaft Grainau gibt deshalb jedem aktiven Mitglied zu Weihnachten einen Gutschein für den Sporthändler. „Das deckt nicht alle Kosten. Aber es zeigt: Wir schätzen das."


Nachwuchs ist ein permanentes Thema. „Wir dürfen es gar nicht so weit kommen lassen, dass wir Not haben – bis die Not gelöst ist, vergehen nochmal drei bis vier Jahre."


Wer selbst einsteigen möchte kann ab 16 Jahren die örtliche Bergwacht ansprechen. Grundvoraussetzung ist alpine Geländeerfahrung – Sommer wie Winter.


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Wie die Bergwacht mit dem Druck umgeht

Schwere Einsätze gehen nicht spurlos vorbei. Wenn es tragische Geschichten sind, sitzen sie danach oft nochmal zusammen und reden drüber. Die Bergwacht arbeitet außerdem mit dem "KIT Berg" (Kriseninterventionsteam) zusammen, dessen psychologisch geschulte Fachkräfte speziell für Einsatzkräfte, aber auch für Angehörige von Opfern bereit stehen.

„Früher hieß es, man müsse ein harter Bursche sein. Heute weiß man, dass auch nach 50 Jahren ein spezieller Einsatz einen Schalter umlegen kann.“

Die schönen Seiten des Ehrenamts

Man redet bei der Bergwacht meistens über das Schwere der Einsätze. Dabei gibt es auch Momente, die einen aufbauen und die erklären, warum Menschen dieses Ehrenamt auf sich nehmen.


Toni Voggs persönlichster Einsatz war sein allererster Hubschraubereinsatz, kurz nach seiner Ausbildung, mit 17 Jahren. Eine dreitägige Suche im Höllental bei schlechtestem Wetter bei dem eine Person in eine Gletscherspalte gefallen war. Nachdem sie aufgrund des schlechten Wetters die Gletscherspalte zunächst zu Fuß erkunden mussten und niemanden fanden, wurde die vermisste Person am nächsten Tag beim Überflug mit dem Hubschrauber schlussendlich doch noch lebend gefunden.


„Das prägt einen – und man weiß wieder, warum man das macht.“

Tobias Limmer von der Bergwacht Grainau beim Hubschraubereinsatz im Zugspitzgebiet
Tobias Limmer von der Bergwacht Grainau beim Hubschraubereinsatz im Zugspitzgebiet © Bayrischer Rundfunk

Aber es sind auch die kleinen Geschichten, die zählen: Menschen aus einer misslichen Lage sicher runter zu bringen und vielleicht noch ein Sonnenuntergang aus dem Hubschrauber zu sehen. „Das gibt einem schon sehr viel zurück. Es ist dieses Gefühl, im Team etwas geleistet zu haben und der Gesellschaft etwas zurückzugeben.“ So Vogg.

Tonis Schlusswort

Auf die Frage nach dem einen Gedanken, den er jedem Bergsportler mitgeben würde, nach 20 Jahren Bergwacht und zwei Staffeln Doku-Begleitung, antwortet Toni Vogg ohne zu zögern:


„Stress runter, Genuss rauf.“


Man solle lieber die Zeit am Berg genießen. Sachen so nehmen, wie sie kommen und nichts erzwingen. Einfach raus in die Berge, frische Luft und genießen.

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