Die Pasterze am Fuß des Großglockners steht vor einer Entwicklung, die Glaziologen seit Jahren erwartet haben. Nach Einschätzung des Gletschermessdienstes des Österreichischen Alpenvereins, der GeoSphere Austria und des Nationalparks Hohe Tauern könnte sich die rund 3,9 Kilometer lange Gletscherzunge bereits in den kommenden Monaten endgültig vom eigentlichen Gletscher lösen. Verantwortlich dafür ist eine inzwischen nur noch wenige Meter starke Eisverbindung, die das untere Gletscherende mit dem höher gelegenen Nährgebiet verbindet.
Ob die Trennung tatsächlich noch in diesem Jahr erfolgt oder erst in den nächsten ein bis zwei Jahren, hängt maßgeblich von den Witterungsbedingungen ab. Klar ist jedoch: Die Entwicklung markiert einen weiteren Meilenstein im jahrzehntelangen Rückzug des größten Gletschers Österreichs.
Über viele Jahrzehnte wurde die Gletscherzunge der Pasterze kontinuierlich mit Eis aus den höher gelegenen Firnfeldern rund um den Johannisberg versorgt. Durch den anhaltenden Eisverlust gingen jedoch nach und nach sämtliche Verbindungen zu diesen Nährgebieten verloren.
Bereits 2020 verschwand die vorletzte Eisverbindung im Bereich des Schneewinkels vollständig. An ihrer Stelle fließt heute ein Wasserfall. Übrig geblieben ist nur noch die Verbindung über den sogenannten Hufeisenbruch beziehungsweise den Rifflwinkel. Doch auch diese wird von Jahr zu Jahr schmaler.
Während die Eisbrücke im Hufeisenbruch 1998 noch eine wichtige Verbindung für den Eisnachschub darstellte, maß sie im Jahr 2020 nur noch rund 230 Meter Breite. Bei den jüngsten Vermessungen im August 2025 waren davon lediglich noch etwa 120 Meter übrig. Der Österreichische Alpenverein beobachtet diese Entwicklung besonders genau. Seine Messreihen zur Längenentwicklung der Pasterze reichen bis ins Jahr 1891 zurück und gehören damit zu den ältesten kontinuierlichen Gletscherbeobachtungen weltweit.
Leitend in den Messungen des Gletschermessdienst des Österreichischen Alpenvereins (ÖAV) sind aktuell die zwei Wissenschaftler Andreas Kellerer-Pirklbauer und Gerhard Lieb. Die beiden sind am Institut für Geographie und Raumforschung an der Universität Graz tätig. Jährliche Messungen an der Pasterze werden von Andreas Kellerer-Pirklbauer selbst durchgeführt.
Neben den Längenmessungen dokumentiert die GeoSphere Austria unter der Führung von Michael Avian und Anton Neureiter auch die Massenbilanz des Gletschers. Die Daten zeigen einen eindeutigen Trend: Seit Beginn der Messungen im Jahr 1980 weist die Pasterze nahezu durchgehend eine negative Bilanz auf.
Im Durchschnitt verlor der Gletscher bis 2025 jährlich rund einen Meter Wasseräquivalent – das entspricht etwa einer Tonne Eis pro Quadratmeter Gletscherfläche. In den vergangenen zehn Jahren hat sich dieser Wert nochmals erhöht und liegt inzwischen bei durchschnittlich 1,2 Metern beziehungsweise 1,2 Tonnen Eis pro Quadratmeter und Jahr.
Auch die Auswirkungen auf die Gletscheroberfläche sind deutlich sichtbar. Zwischen 2024 und 2025 sank die Gletscherzunge um durchschnittlich 7,3 Meter ab. Dabei gingen rund 12,4 Millionen Kubikmeter Eis verloren – eine Menge, die einem Eiswürfel mit einer Kantenlänge von rund 231 Metern entsprechen würde.
Nach Einschätzung der Wissenschaftler dürfte mit dem Abriss der letzten Eisverbindung auch der Hufeisenbruch selbst vollständig eisfrei werden. Sollte dies eintreten, wären die dortigen Felswände erstmals seit rund 5.000 Jahren nicht mehr von Eis bedeckt.
Für den eigentlichen Gletscher stellt dies einen markanten Einschnitt dar: Die Gletscherzunge wäre dauerhaft vom restlichen Eisstrom getrennt und könnte nicht mehr mit neuem Eis versorgt werden. Ihr weiteres Schicksal wäre ausschließlich vom Abschmelzen geprägt. Die Wissenschaftler sind sich einig, dass es sich hier nicht um ein "falls"sondern ein "wann" handelt. Das Schicksal des Gletschers scheint unumgänglich.
Aus wissenschaftlicher Sicht hätte die endgültige Trennung vor allem symbolischen Charakter. Denn die Gletscherzunge verhält sich bereits seit Jahren nicht mehr wie ein aktiver Gletscher.
Seit den 2010er-Jahren gelangt kaum noch Eis aus den höher gelegenen Bereichen nach unten. Dadurch hat sich die Fließbewegung nahezu vollständig verlangsamt. Zwischen 2024 und 2025 wurde unterhalb des Eisbruchs lediglich noch eine maximale Fließgeschwindigkeit von 5,3 Metern gemessen.
Für Glaziologen sind dies typische Kennzeichen eines sogenannten Toteiskörpers: Das Eis wird nicht mehr erneuert, sondern zerfällt nach und nach und kann sich auch bei günstigeren Bedingungen nicht mehr regenerieren.
Mit dem endgültigen Verschwinden der Gletscherzunge dürfte die Pasterze langfristig auch ihren Titel als größter Gletscher Österreichs verlieren. Diesen würde künftig der Gepatschferner in den Ötztaler Alpen übernehmen.
Doch auch dort zeigt sich die Entwicklung deutlich. Allein in den vergangenen fünf Jahren hat der Gepatschferner rund 300 Meter an Länge eingebüßt und gehört ebenfalls zu den Gletschern, die besonders stark unter den steigenden Temperaturen leiden.
Die Veränderungen rund um die Pasterze beschränken sich längst nicht mehr auf den Gletscher selbst. Im Nationalpark Hohe Tauern, der 1981 gegründet wurde und mit rund 1.856 Quadratkilometern der größte Nationalpark Österreichs ist, entstehen durch den Eisrückzug völlig neue Landschaften. Das Gebiet rund um Großglockner, Pasterze und Gamsgrube wurde bereits 1918 mit Hilfe des Naturschutzmäzens und Villacher Holzindustriellen Albert Wirth an den Alpenverein übertragen und bildet heute das Herzstück des Schutzgebiets.
Wo sich früher mächtige Eismassen befanden, bilden sich neue Seen wie der Pasterzensee. Auf den freigelegten Schuttflächen siedeln sich nach und nach Pflanzen an, aus denen sich langfristig sogar junge Lärchenwälder entwickeln. Für den Nationalpark ist diese Dynamik Teil eines natürlichen Entwicklungsprozesses, der in den geschützten Gebieten bewusst zugelassen wird.
Gleichzeitig wächst die Verantwortung, den Lebensraum trotz zunehmenden Besucherdrucks und der Folgen des Klimawandels dauerhaft zu bewahren. Das rund 36 Quadratkilometer große Sonderschutzgebiet Großglockner-Pasterze und Gamsgrube wurde 1986 durch die entsprechende Verordnung zusätzlich abgesichert und schützt zahlreiche seltene Tier- und Pflanzenarten, darunter die Alpenschotenkresse, die Zweifarben-Segge, Steinwild und den Gletscherweberknecht.
Für die beteiligten Wissenschaftler und Naturschutzorganisationen ist die Entwicklung an der Pasterze weit mehr als das Schicksal eines einzelnen Gletschers. Der Rückzug des Eises gilt als eines der deutlichsten Beispiele für die Auswirkungen der Klimaerwärmung im Alpenraum.
Mit dem Verschwinden der Gletscher verändern sich Wasserhaushalt, alpine Lebensräume und vielerorts auch die Bedingungen für Bergsportler. Die Pasterze wird damit zu einem eindrucksvollen Symbol dafür, wie schnell sich die Hochgebirgslandschaften der Alpen derzeit wandeln – und welche Herausforderungen der Klimawandel für Natur und Mensch mit sich bringt.
„Das Abschmelzen unseres größten Gletschers ist weit mehr als ein lokales Naturereignis. Wir sehen hier ganz klar die Auswirkungen der Klimakrise und damit die Veränderung eines einzigartigen Naturraums, der unsere Alpen über Generationen geprägt hat.”