Starkregen, schmelzende Gletscher und instabile Hänge sorgen dafür, dass Muren (Murgänge) in den Alpen immer häufiger in den Fokus rücken. Die gewaltigen Schlamm- und Geröllströme bedrohen Straßen, Häuser und ganze Ortschaften. Doch was genau sind Muren, warum sind sie so gefährlich – und wie schützen sich Gemeinden vor dieser Naturgefahr?
Eine Mure ist ein schnell talwärts fließender Strom aus Wasser, Erde, Schlamm, Geröll, Steinen und manchmal auch Baumstämmen. Anders als ein gewöhnlicher Bach transportiert eine Mure große Mengen an Festmaterial mit hoher Geschwindigkeit. Sie entsteht meist dann, wenn starke Niederschläge oder intensive Schneeschmelze lockeres Material an steilen Berghängen in Bewegung setzen.
Muren können innerhalb weniger Minuten entstehen und Geschwindigkeiten von mehreren Dutzend Kilometern pro Stunde erreichen. Besonders gefährdet sind enge Gebirgstäler, Wildbäche und Hänge mit lockerem Gestein oder wenig Vegetation.
Die enorme Wucht einer Mure macht sie zu einer der gefährlichsten Naturgefahren im Alpenraum. Die Mischung aus Wasser und Geröll entwickelt eine große Zerstörungskraft. Gebäude können beschädigt oder zerstört, Straßen verschüttet, Brücken weggerissen und Bahnstrecken unterbrochen werden.
Erst Ende Juni 2026 waren wieder Täler von Muren betroffen. So wurden im Kaunertal und im Pitztal jeweils wichtige Straßen verschüttet. Zum Teil waren zahlreiche Menschen über Tage von der Außenwelt abgeschnitten, Touristen und Einheimische mussten mit Hubschraubern ausgeflogen werden. Auch im Trentino und in Vorarlberg sorgten Muren für schwere Schäden.
Eine große Gefahr: Muren treten oft ohne lange Vorwarnzeit auf. Zwischen einem heftigen Gewitter und dem Abgang einer Mure können nur wenige Minuten liegen. Das erschwert Evakuierungen und erhöht das Risiko für Menschen, die sich in gefährdeten Gebieten aufhalten.
Neben den unmittelbaren Schäden verursachen Muren häufig auch erhebliche wirtschaftliche Folgen. Verkehrswege müssen (wie im Kauner- und Pitztal) gesperrt, Siedlungen geräumt und aufwändige Räumungs- und Wiederaufbauarbeiten durchgeführt werden.
Fachleute wie Geoinformatiker Daniel Hölbling von der Uni Salzburg beobachten, dass in vielen Alpenregionen in den vergangenen Jahren häufiger Bedingungen auftreten, die Muren begünstigen. Zwar lässt sich nicht jeder einzelne Murenabgang direkt auf eine bestimmte Ursache zurückführen, dennoch zeigen zahlreiche Studien, dass sich das Risiko in vielen Gebieten verändert.
Ein wesentlicher Faktor ist der Klimawandel. Mit steigenden Temperaturen nehmen Extremwetterereignisse wie Starkregen in vielen Regionen zu. Fällt innerhalb kurzer Zeit sehr viel Niederschlag, können Böden das Wasser nicht mehr aufnehmen. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Geröll und Erdreich ins Rutschen geraten.
Gleichzeitig verändert die Erwärmung die Hochgebirgslandschaft. Schmelzende Gletscher und das Auftauen des Permafrosts – dauerhaft gefrorener Boden in großen Höhen – destabilisieren Berghänge. Felsen und lockeres Gestein verlieren ihren Zusammenhalt und können leichter von Wasser erfasst werden.
Auch Veränderungen der Landnutzung spielen regional eine Rolle. Werden Schutzwälder geschädigt oder verschwinden durch Stürme, Schädlinge oder Brände, fehlt häufig ein natürlicher Schutz, der den Boden stabilisiert und den Wasserabfluss verlangsamt.
Gemeinden in den Alpentälern setzen auf eine Kombination aus technischen Bauwerken, natürlichem Schutz und moderner Überwachung.
Eine wichtige Rolle spielen sogenannte Muren- oder Geschieberückhaltebecken. Sie fangen Geröll, Schlamm und größere Gesteinsbrocken auf, bevor diese Siedlungen erreichen. Ergänzt werden sie durch Sperren und Verbauungen in Wildbächen, die den Materialtransport bremsen und die Fließgeschwindigkeit reduzieren.
Ebenso bedeutend sind Schutzwälder. Die Wurzeln der Bäume festigen den Boden, während die Vegetation den Wasserabfluss verlangsamt. Deshalb investieren viele Regionen gezielt in die Pflege und Aufforstung dieser Wälder.
Darüber hinaus nutzen Gemeinden moderne Mess- und Warnsysteme. Niederschlagsradare, Pegelmessungen, Sensoren an Wildbächen sowie geologische Überwachung liefern wichtige Daten, um gefährliche Entwicklungen frühzeitig zu erkennen. Bei drohender Gefahr können Warnungen ausgesprochen, Straßen gesperrt oder gefährdete Gebiete evakuiert werden.
Auch die Raumplanung ist ein entscheidender Baustein des Schutzes. In ausgewiesenen Gefahrenzonen gelten häufig strenge Bauvorschriften oder Bauverbote. Dadurch soll verhindert werden, dass neue Wohnhäuser oder wichtige Infrastruktur in besonders gefährdeten Bereichen entstehen.
Muren gehören seit jeher zur natürlichen Dynamik der Alpen. Doch durch den Klimawandel, häufigere Starkregenereignisse und Veränderungen im Hochgebirge steigt in vielen Regionen das Risiko für solche Ereignisse. Absolute Sicherheit gibt es nicht. Durch gezielte Schutzmaßnahmen, moderne Frühwarnsysteme und eine vorausschauende Raumplanung können Gemeinden die Gefahren jedoch deutlich reduzieren.
Für die Menschen im Alpenraum bedeutet das: Die Auseinandersetzung mit Naturgefahren wird zunehmend zu einer Daueraufgabe. Nur wenn Wissenschaft, Behörden und Bevölkerung gemeinsam handeln, lassen sich die Auswirkungen künftiger Murenabgänge wirksam begrenzen.